Letzte Woche habe ich einen interessanten Radiobeitrag gehört. Die Hauptthese war, dass Rassismus in den USA, und wahrscheinlich auch anderswo, nicht nur mit der Angst vor Menschen und der Abwertung von Menschen, die anders sind, zu tun hat, sondern dass im Zentrum die Sicht auf die Gesellschaft als Nullsummenspiel steht. Die Grundannahme ist, dass die Welt begrenzte Ressourcen hat, um die alle konkurrieren müssen, und dass Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, als Konkurrenten gesehen werden. Alles, was die anderen erhalten, könne man selber nicht bekommen.
Als Beispiel wurde der mangelnde Sozialstaat der USA genannt, der in seiner Begrenztheit einzigartig unter den westlichen Demokratien ist. Es wurde gesagt, dass dies eine Folge davon sei, dass Weiße einfach nicht bereit waren, Steuern für öffentliche Güter zu bezahlen, die mit Schwarzen geteilt werden. Als ein Beispiel wurde angeführt, dass in den 1960er Jahren, als die Rassentrennung gerichtlich in den USA als verfassungswidrig erklärt wurde, Gemeinden lieber ihre wirklich tollen öffentlichen Schwimmbäder geschlossen und die Becken zugeschüttet haben, als Schwarzen den Zutritt zu erlauben. Von daher gibt es in den USA, anders als z.B. in Deutschland, fast keine Freibäder mehr, ganz zu schweigen von Hallenbädern, was im Gegenzug dem privaten Pool im Garten zum Aufschwung verhalf.
Nullsummendenken steht immer im Zentrum konservativer und auch faschistischer Ideologien. Einwanderer nehmen den Einheimischen Jobs weg oder zerstören die Sozialsysteme. Das wird auch von rechts-extremen Parteien in Europa so vertreten. Affirmative Action oder Gleichstellungsprogramme bevorzugen Nicht-Weiße bei der Zulassung zu Eliteuniversitäten und bei Einstellungen im öffentlichen Dienst. Schwarze würden bevorzugt behandelt. Übrigens sind die gleichen Gedanken die Grundlage des rechten Antifeminismus. Weiße Männer sehen ihre Privilegien dahinschmelzen, genauso wie der Antisemitismus die Konkurrenz der Juden mit den Einheimischen betont. Die Replacement Theory, die amerikanische Theorie der Ersetzung von Weißen durch Nicht-Weiße, die von White Supremacists, Menschen, die die Überlegenheit der weißen „Rasse“ propagieren, vertreten wird, singt ein Lied davon. Und die Nazi-Idee vom Lebensraum hat absolut dieselben Wurzeln: das Nullsummenspiel. Trump ist der Hauptvertreter dieses Nullsummendenkens, wie ich das schon mehrmals in meinem Blog angesprochen habe. Gewinnen bedeutet, dass andere verlieren.
Ich sehe als Linksliberaler die Welt völlig anders. Ich glaube an win-win-Situationen. Kompromisse müssen so aussehen, dass beide Seiten damit zufrieden sind, dann sind sie win-win. Innovationen und die Entwicklung neuer Technologien weiten Märkte aus, ein win-win. Universitäten, Forschung und die breite Bildung der Bevölkerung sind win-win. Einwanderung, vor allem in Ländern mit schrumpfender Bevölkerung, ist win-win. Einwanderung gut ausgebildeter Menschen in die USA, wie jene, die im Silicon Valley arbeiten, ist auf jeden Fall win-win. Frauen, die Erwerbsarbeit nachgehen, und Männer, die Familienarbeit verrichten, sind win-win. Vertrauen in andere Menschen, Institutionen, Regierungen und in die Politik ist win-win. Die Zusammenarbeit in Europa und die EU sind Win-win. Freihandel ist win-win. Frieden, und damit die UNO, sowie die Bewahrung des Friedens durch die NATO sind win-win. Die moderne Welt ist ohne win-win gar nicht vorstellbar. All das wird gerade infrage gestellt und zerstört, und zwar nicht nur in den USA. Citibank hat in einer Studie vor ein paar Jahren berechnet, dass der Rassismus in den USA etwa 3 Prozent des BIP pro Jahr kostet. Warum? Weil die Abwesenheit von Rassismus win-win ist.
Und die Proteste in Minneapolis sind das Gegenteil von win-win. Und genau darum geht es dort. Minnesota ist so ziemlich das einzige Bundesland in den USA, in dem Politik noch nicht so polarisiert ist wie im Rest des Landes. Republikaner kooperieren mit Demokraten und finden gemeinsam Kompromisse. Minnesota ist in diesem Sinne sozusagen ein kleines Paradies in den USA. Und genau das ist Trump ein Dorn im Auge. Das passt nicht in seine Welt, so wie eine freie, demokratische und prosperierende Ukraine nicht in die Welt von Putin passt oder ein freies, demokratisches und prosperierendes Hongkong oder Taiwan nicht in die Welt von Xi Jinping passt. Alternativen, die funktionieren, werden als bedrohlich empfunden und müssen zerstört werden. Das ist auch der Fall bei Minnesota. Was sonst könnte der Grund sein? Minneapolis hat nicht viele illegale Migrantinnen, und wenn es nur darum ginge, wäre es doch viel besser für ICE, in Miami oder Houston oder Las Vegas oder Phoenix Ratien durchzuführen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, ein kleines Paradies zu zerstören, das existiert, weil dort nach der Maxime win-win gehandelt wird.
Und jetzt kommt ICE nach Springfield in Ohio. Dorthin, wo angeblich die Community der haitianischen Einwanderer Katzen und Hunde fängt, um sie dann zum Essen zuzubereiten. Das zumindest hat der Vizepräsident J.D. Vance im Wahlkampf 2024 so behauptet, weil er es für legitim hielt, Geschichten zu erfinden, damit die Medien auf das angebliche Leid der amerikanischen Bevölkerung aufmerksam werden. Und jetzt, als direkte Folge, kommt ICE nach Springfield, sozusagen, um amerikanische Katzen und Hunde vor dem Schlachten durch Einwanderer zu retten. Springfield ist die Nachbarstadt von Yellow Springs, wo ich über 15 Jahre mit meiner Familie, mit meiner Ex-Frau Rebecca und meinen Kindern, gewohnt habe. Wahrscheinlich weiß ICE nichts über den Aktivismus in Yellow Springs, einem Ort mit 3000 Einwohnern, wo 90 Prozent für Obama gestimmt haben, wo Black-Lives-Matter-Demonstrationen jeden Samstag über viele Jahre hinweg stattgefunden haben, und zwar bis zuletzt mit Hunderten von Teilnehmerinnen. Mal sehen, wie das für ICE ausgeht.
Zu guter Letzt noch ein Wort in einer ganz anderen Angelegenheit: Ich werde vorerst diesen Blog für einige Zeit aussetzen, und zwar aus ganz persönlichen Gründen. Ich vermute, dass ich Ende August wieder weitermachen werde. Ich wünsche allen meinen Leserinnen eine den Umständen entsprechende angenehme Zeit. Schenkt Liebe, habt Vertrauen und ganz viel Mut, denn: Win-win is the only way to live a good life!